György Konrád: Studienreise (Über Juden, XIII)

Magyarul


Im September 2004 suchte ich Auschwitz-Birkenau auf. Mein Freund László Rajk, der Architekt, Bühnenbildner und Ausstellungsmacher, hatte mich im Auto mitgenommen. Die Landschaft der Karpaten, der Niederen und der Hohen Tatra, war bezaubernd schön. Auf der Hinreise ebenso wie auf der Rückreise stiegen wir in Krakau aus; Kazimierz, Krakaus einstiges Judenviertel, war für mich etwas Neues. Heute ist es - wie die ehemaligen Judenviertel im allgemeinen  - ein Nest der Boheme, wo Künstler und Studenten die Kaffeehäuser bevölkern. Doch im Vordergrund stand das Reiseziel und nicht die Reise.

Rajk, mein Reisegefährte, war, soweit erforderlich, Reiseführer und Wegweiser. Vertraut mit der Asche der ungarischen Juden, hatte er sich nach Auschwitz begeben, die Geschichte der dorthin Deportierten studiert, mit den ortsansässigen Museologen gesprochen und seine Ausstellung vorbereitet. Andere phantasieren nur davon, wie gut es wäre, eine solche Ausstellung zu organisieren; er aber geht hin und stellt sie auf die Beine. Und entdeckt Spuren, denen andere bisher kaum Beachtung geschenkt haben. In Ziegel geritzte Personen- und Ortsnamen sowie Datumsangaben von 1944. Er fotografiert diese mit Nägeln eingravierten, nur schwach sichtbaren und allmählich schwindenden Spuren von Menschen, deren Schuhe sich vielleicht noch in jener Baracke befinden, wo die außerhalb der Ausstellung gelagerten Schuhkisten aufbewahrt werden. Alle Überreste unserer unschuldig zu Blutzeugen gewordenen Mitmenschen verdienen ehrfürchtige Bewahrung.

Jene Menschen, denen die deutschen Behörden alle Attribute der menschlichen Person zu nehmen versuchten, wollten wenigstens die Anfangsbuchstaben ihrer Namen hinterlassen. Ein Zeichen dessen, daß auch sie existiert haben und Menschen gewesen sind - auch wenn sie solche damals nicht mehr zu sein schienen: nurmehr geschwächte Marionetten in Sträflingskluft, bewegliche Stücke, jederzeit zu exekutieren, minderwertige Wesen, über deren Leben keine Rechenschaft abzulegen, Verschleißmaterial, das möglichst bald zu erledigen war; in den Waggons wurde der Nachschub in beachtlicher Menge herbeigekarrt; im Sommer 1944 waren es eben die ungarischen Juden, unter ihnen meine Schulkameraden...

 

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke

© Laszlo Rajk 2013