András Rényi: Schrift an der Wand

Magyarul

 

Ich will da beginnen, wo eigentlich jedes Reden über die Kunst beginnen sollte. Mit der Technik. Frottage ist ein uraltes, fernöstliches Verfahren, das Jahrtausende zuvor als Instrument entwickelt wurde, um in Holz oder in Stein geritzte buddhistische oder konfuzianische Texte zu verbreiten: ein von Hand gefertigter Negativdruck, das auf Papier übertragene Bild einer plastischen Objektoberfläche. Das Wort entstammt dem französischen Ausdruck für Reibung und hat sich so relativ spät in Europa verbreitet. Daher spricht es von Reibung, weil der Künstler, mit Grafit- oder Fettstift in der Hand, mit Schattierungen auf dem Papier erscheinen lässt, was sich unter dem Papier an plastischer Form eines Gegenstandes verbirgt.

Es gibt einen kurzen Film über Max Ernst,  über diesen großartigen Künstler der frühen deutschen Avantgarde, der zeigt, wie er die Frottage zu einer der fruchtbarsten Techniken in der dadaistischen und surrealistischen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts gemacht hat. In diesem Film sieht man nicht nur seine lockeren Handbewegungen, wie er etwa Blätter, Holzbretter und Ähnliches unter Papier legt und deren feine Strukturen durch Reibung auf das Papier überträgt. Ernst erklärt auch, dass sein Hauptmotiv 1925 der horror vacui gewesen sei, der Schrecken davor, dass er den ersten Strich hätte setzten müssen, aus dem sich dann das Bild seiner eigenen Logik entsprechend entwickelt. Den Anfang, den ersten Anschub, das primum movens, das war es, was er dem blinden Zufall der Oberfläche des Gegenstandes anvertraute, den er unter das Papier legte.

Das müssen wir richtig verstehen. Die moderne Frottage ist kein Verfahren der Vervielfältigung, wie es das einst im Osten gewesen war. Kein spiegelverkehrter Druck: der Gegenstand nämlich, dessen Oberfläche seine Zeichnung festhielt, war nicht als Bild geschaffen. Das Bild entsteht allein während der Schattierung und bringt etwas in Bewegung, was das Papier verbirgt. Ernst betrachtet nicht den Gegenstand, um ihn dann mit seinem Bleistift oder seinem Fettstift auf dem Papier abzubilden, im Gegenteil. Dadurch, dass er die plastischen Unterschiede seiner Oberflächen auf der glatten Ebene in helle und dunkle, schwarze und weiße optische Wandlungen „umschreibt“, ruft die Technik der Frottage auf den ganz gewöhnlichen Gegenständen eine Textur hervor, die wir mit unserer normalen Wahrnehmungskraft im alltäglichen Gebrauch kaum zur Kenntnis nehmen, wir würden sie ganz gewiss nicht um ihrer selbst willen bemerken. Das Bild der Frottage ist daher kein Abbild, keine Kopie, eher ein Mysterium: es zeigt uns etwas Unsichtbares, ist eine Offenbarung, Epiphanie.

Max Ernst gilt in der Kunstgeschichte als der große Meister des Dada und des Surrealismus, diese Richtungen aber vertrat er mit der Zielsetzung, subversiv gegen den Alltagsverstand und das selbstverständliche Wissen zu arbeiten; die Surrealisten suchten keinesfalls zufällig den Kontakt zu Freud.

László Rajk greift hier und jetzt zu dieser Technik und den damit implizierten reichen Traditionen der Avantgarde. Die Dekonstruktion avantgardistischer Traditionen war ihm nie fremd – denken wir nur zurück an die achtziger Jahre, an das Kulissenbild der Aufführung Bambini di Prága im Theater von Győr, die schnell verboten wurde, an seine Pläne für Buchumschläge der Samisdat-Presse, an seine ironischen Verdrehungen der konstruktivistisch utopistischen Avantgarde. Und denken wir natürlich an den 16. Juni 1989, an seine gewaltige, für diesen Tag entworfene Installation auf dem Budapester Heldenplatz, an den geschichtsträchtigen Katafalk, der – indem er das Denkmal der Dritten Internationale von Tatlin und die Lenin-Tribüne von El Lissitzky heraufbeschwört – erneut der Monumentalität, der Abstraktion und dem weltgeschichtlichen Maßstab, die er in seinen bisherigen Werken so wirkungsvoll zu dekonstruieren verstand, einen tragischen Sinn verliehen hat. Er kreuzte die konstruktivistische Architektur mit der durchlöcherten Fahne von 1956, was auch dem Geist der Revolution einen neuen Sinn gegeben hat: er setzte an die Stelle des wortgewaltigen Wegwischens der Vergangenheit ein Bekenntnis zu ihr und an die Stelle fiebriger Utopien die Forderung nach einem demokratischen Rechtsstaat. Die Installation der feierlichen Neubeerdigung von Imre Nagy und anderen Führern der Revolution von 1956 mit den Zehntausenden von Ungarn aller Generationen ermöglichte ein neues Überdenken nicht nur der Ereignisse von 1956, sondern auch der Frage, was 1989 zu tun war.

Mehr als zwanzig Jahre danach hat László Rajk – am Vorabend der jetzigen Feier der Revolution – erneut ein politisches Werk geschaffen. Es scheint, die Lage ruft danach. Die offizielle Propaganda schwätzt natürlich wieder von „Revolution“, doch der Oktober 2011 wird nicht vom Pathos gemeinsamen Neuaufbruchs beherrscht, sondern vom Verlust der Perspektive, von historischer Depression

Das markiert die Lage.

Der postavantgardistische László Rajk greift jetzt zur Technik der Frottage, und wieder ist es kein Spiel mit der Kunst, das ihn dazu treibt. Um diese Leinwände zu verstehen, brauchen wir keine Ästhetik und Kunstgeschichte, es reicht, wenn wir die elementare Logik der Technik verstehen und wenn wir staatsbürgerliches Rechtsempfinden haben. Es reicht, wenn wir mit gutem Auge kritisch und frei zu denken wissen.

Auf den Bildern sehen wir Sätze aus der 1989 angenommenen Verfassung, die nicht in das neue Grundgesetz übernommen wurden, das am 1. Januar 2012 in Kraft treten wird. „Ungarn ist eine Republik.“ „In der Ungarischen Republik hat jeder das Recht zur freien Meinungsäußerung, darüber hinaus dazu, dass er Daten von öffentlichem Interesse zur Kenntnis nehmen und verbreiten kann.“ – und viele andere mehr. Sätze, die ab dem 1. Januar 2012 fehlen werden.

Vorhin hieß es: die Frottage ist kein Abbild, sondern ein Mysterium. Die unpersönliche Bewegung des Schattierens bringt Dinge auf die Leinwand, die ohne diese Bewegung kaum wahrnehmbar wären. Rajk thematisiert mit seinem Werk Fehlender Paragraph das Verschwinden der demokratischen Verfassung, doch der Gestus seiner künstlerischen Technik weist darauf hin, dass ihre Wahrheit, die in ein enges Versteck gedrängt wurde, sich nicht zum Verschwinden bringen lässt. Solange sie lesbar war, haben wir sie nicht gelesen. Jetzt, da sie ins Verschwinden gerät, wird sie durch das Mysterium der Kunst dennoch sichtbar.

Der Geist der demokratischen Verfassung zeigt sich, jetzt und hier, als abwesend – aber er zeigt sich. Wir müssen in uns dieses Wissen um das Fehlen wach halten, damit wir bereit sind, wenn es uns zu handeln ruft.

 

Aus dem Ungarischen übersetzt von Wilhelm Droste


 

 

 

 

© Laszlo Rajk 2013